Caddy in Köpenick: Ob der Hauptmann wohl...   
Foto: berlinreporter.Haehnel


Der Diesel steht heftig in der Kritik. Also warum nicht ein Nutzfahrzeug mit Benzinmotor? Wir haben den „kleinen“ Volkswagen Caddy mit dem „kleinen“ 1-Liter-Benzinmotörchen und für den Hubraum stolzen 75 KW (102 PS) in unserer Praxisprobe „erfahren“.
Er ist wie ein alter Wintermantel, der so bequem und warm ist, dass man ihn jedes Jahr wieder gerne anzieht. Hineinschlüpfen und wohlfühlen. Natürlich ist dieser Caddy nicht alt, ja fast nagelneu: keine 5000 Kilometer stehen auf dem Tacho unseres im April letzten Jahres zugelassenen Caddy Kastenwagen Trendline. Doch kaum eingestiegen, fühlt man sich innerhalb kürzester Zeit geborgen. Wie zu Hause. Er ist nicht aufregend, er irritiert nicht mit Bling-bling. Und wenn man die hohe Sitzposition ausblendet, fühlt man sich fast wie in einem Polo.
Bis man in den Rückspiegel blickt. Die Flügeltüren mit den angenehm tiefen Heckfenstern bieten gute Rücksicht. Das, was man nicht sieht, wird von den Rückfahrsensoren hörbar gemacht. Zudem zeigt  der Touchscreen an, wo’s eng wird.
Auf dem Armaturenbrett findet sich ein...

...großes Fach, genau im DIN A 4-Format. Hier passen Lieferscheine gut hinein, zudem gibt es eine 12-V-Buchse fürs Navi, denn das gehört seltsamerweise nicht zur Grundausstattung. Unter den Sitzen sind kleine, praktische Fächer, in denen man beispielsweise Handschuhe unterbringen kann. Dann fliegen die nicht mehr sonst wo rum.


Praktisch: A4-Ablage für den Bürobetrieb im Liefereinsatz. Foto: berlinreporter.Fröhlich


Losfahren
Seine 4,40 Meter machen den Caddy im Stadtverkehr angenehm handlich, auch wenn seine Breite mit Spiegeln immerhin 2,06 Meter beträgt. Unser Testfahrzeug hatte als Sonderausstattung lackierte Spiegel; ich denke, diese 227,29 € (dann sind auch Stoßfänger und Türgriffe in Wagenfarbe) kann man sich getrost sparen, zu schnell ist man im Lieferverkehr mal irgendwo zu nah dran, und im Lack fallen die Kratzspuren deutlich mehr auf. Allerdings klappen die Spiegel schon bei geringem Widerstand ein – das wiederum macht Sinn. Der Tempomat, für zusätzliche 362,95 €, rechnet sich schon nach wenigen Baustellenblitzern – und macht das Fahren generell deutlich angenehmer. Während der Tacho analog ist, zeigt der Geschwindigkeitsassistent digital an und kann in 1-km/h-Schritten angepasst werden. Sehr entspannt.

Sollte in der Baustelle Sand oder Rollsplit auf der Straße liegen oder gar eine Wasserdurchfahrt vonnöten sein, wird es laut, denn unter dem Beifahrersitz hat man auf jegliche Dämmung verzichtet. Entsprechend ist die Geräuschkulisse. Apropos Beifahrersitz: Was hat man sich wohl bei der Konfiguration unseres Testwagens gedacht? Die Zielgruppe dieses Zweisitzers (die Montage einer zweiten Sitzreihe ist hier nicht möglich) dürften Handwerker, Kurierfahrer etc. sein. Diese fahren meist alleine. Trotzdem lässt sich der Beifahrersitz weder in einen „Ladeboden“ umwandeln noch mit wenigen Handgriffen entfernen. Auch die fest montierte Trennwand – eigentlich eine tolle Sache – bietet nicht die Möglichkeit, einen Durchschub nach vorne zu öffnen. Alles ist fest verschraubt. Natürlich gibt es das alles als Option, nur nicht in unserem Fahrzeug.
Auf die Bahn
Der kleine 999 cm³-TSI-Benziner bringt dank 75 kW Leistung den kleinen Wiesel schnell auf Trab. Wenn es sein muss, bis auf 172 km/h. Das haben wir nicht ganz ausgereizt, aber bei 160 Sachen lag der Caddy souverän auf der Straße. Die Starrachse hinten mit Blattfedern, eigentlich ein reichlich konservatives Konzept, verhält sich selbst in Holperkurven ausgesprochen gutmütig.
Die Beschleunigung bei höheren Geschwindigkeiten ist eher, sagen wir: moderat.  Die Schaltanzeige möchte schon bei 80 in den fünften Gang…
Volkswagen gibt den Verbrauch mit 5,5 l / 100 km (Stadt: 6,6, ausserorts 4,8) an. Wie man diese Werte erreichen soll, ist mir schleierhaft: In der Stadt stand meist eine 7 vorne. Auf unserer Praxisprobe-Teststrecke, ca. 15 km Autobahn, ca. 50 km Stadt und ca. 35 km Landstraße, die ich an einem entspannten Sonntag gefahren bin, waren es genau 6,5 l auf 100 km. Weniger war nicht zu machen.
Mitgedacht hat VW in Sachen Regen – und den haben wir ja recht häufig. Laufen die Wischer und man legt den Rückwärtsgang ein, wird automatisch auch hinten gewischt. Zudem schaltet der Frontwischer auf Intervall, sobald das Fahrzeug steht, vor einer Ampel etwa. Sehr angenehm.
Auf dem Lande oder der Großbaustelle wird man sich für seine Schlechtwegeeigenschaften interessieren: mit Antriebsschlupfregelung (ASR) und elektronischer Differenzialsperre (EDS) und Motorschleppmomentregelung (MSR) kommt man trotzdem auf nasser Wiese oder im von Harvestern zerfahrenen Wald im Zweifel nicht weit. Hier sei unbedingt der Alltrack empfohlen.
An die Arbeit
Volkswagen, warum macht ihr das? Ladeprobe: Es  fehlen ziemlich genau 2 cm um eine Europalette quer einzuladen. Gut, längs passt sie locker rein, doch warum? Ohne Palette passen 48 unserer Normkartons in den Laderaum.


Passt: Diese 48 Normkartons schluckt der "kleine" Caddy locker.
Foto: berlinreporter.Fröhlich


Dabei ist das Beladen durch die seitliche Schiebetür nichts für die Sylvester Stallones unter den Handwerkern: die fest eingebaute Trennwand beult in Kopfstützenhöhe noch etwas weiter in den Laderaum, dadurch muss man mit einer Bananenkiste schon ordentlich laborieren.
Die Hecktüren lassen sich auf 180 Grad öffnen und bieten guten Zugang zum durch die Deckenlampe prima ausgeleuchteten Laderaum. In unserem Modell fanden sich neben den 6 Zurrösen der Standardausstattung auch Zurrschienen (inklusive 4 Spanngurte dafür) und hohe Seitenverkleidung aus Faserplatte sowie ein geribbelter Holzboden. Dessen Oberfläche ist jedoch für Getränkekisten so glatt ist wie der Wannsee bei minus 15 Grad. Wer auch mal privat einkaufen fahren möchte, wird eine Gummimatte sehr zu schätzen wissen.


Nicht so schön: Zwischen den Türen und Radkästen fehlen wenige Zentimeter für eine Europalette quer. Beim nächsten Caddy bitte mitdenken!
Wirtschaftlich "knappe" und selbst fahrende Kurierunternehmer werden es danken.
Foto: berlinreporter.Haehnel



Fazit:

Sieht man von den fehlenden Zentimetern Ladebreite - wie übrigens auch bei vielen Mitbewerbern - ab, überzeugt der Altmeister unter den "Hundefängern" in der Praxisprobe. Ein Anspruch, den man eigentlich auch durchgängig von einem Hersteller wie Volkswagen erwarten darf. Und ob ein Benziner nun im Unterhalt teurer ist, hängt letztlich vom Einsatzzweck ab. Dazu muss man ja wohl inzwischen auch eventuelle Diesel-Fahrverbote mitdenken, die auch für Euro-6-Diesel kommen könnten ...
Insgesamt fühlt sich der Wagen grundsolide an, wie man es von einem Volkswagen erwartet. Alles ist ordentlich verarbeitet und macht einen wertigen Eindruck. Nur kurz vor Abgabe des Testers und nach aller Art Ruckelpisten entlockt der Müggelseedamm dem Armaturenbrett doch ein leises Klappern. Trotzdem mochte ich ihn gar nicht mehr hergeben, er war wie ein alter Freund geworden.

Motoren und Preise
Neben unserem 1,0 l - Dreizylinder gibt es 1,2 l / 62 kW und 1,4 l / 92 kW – Vierzylinder Benziner sowie 2 l – Diesel mit 55 bis 110 kW und einen 1,4 l / 81 kW Erdgasmotor.
Den Caddy Kastenwagen gib es in sechs Ausstattungsvarianten und zwei Radständen, der Eco Profi geht bei 15.940,00 € los. Alle bieten volkswagentypisch eine üppige Sonderausstattungsliste. Wer den Kleinen auch öfter privat nutzen möchte, findet nicht weniger als zehn Ausstattungsvarianten des Caddy mit hinteren Seitenfenstern ab 14.989,00 €.
Unser „Trendline“ kostet 20.903,54 €, für die Zusatzausstattung fallen weitere 6.090,42 € an.
Und natürlich dürfte auch hier der VW-Händler ihres Vertrauens ein günstiges Angebot parat haben. Tobt doch gerade in der Nutzfahrzeugbranche ein heftiger Wettbewerb.

Zur Freude der Campingfreunde kümmern sich inzwischen zahlreiche Anbieter um Reiseausbauten, variierend von einer simplen Schlafmöglichkeit bis zum Hubdachcamper mit Küchenzeile. Neben Volkswagens eigenem „Beach“-Modell gibt es unter anderem Angebote von Reimo, VanEssa, C-Tec und Ququq. Alle Preisangaben sind inklusive MwSt.